Der Terror in meiner Herkunftsfamilie
So. Themenwechsel. Jetzt gehe ich mal wieder auf die „lieben Männer" los. Zwecks der einzufordernden Gleichberechtigung, nicht wahr?
Mein Stiefvater war interessanterweise jedesmal besonders wahnsinnig und gewalttätig, wenn er von seinen regelmäßigen mysteriösen Herrenrunden im damaligen Café Lerch in Klagenfurt nach Hause kam.
Er tobte dann grausam herum, prügelte und bedrohte uns Frauen mit dem Umbringen und schrie uns ärgste Beleidigungen in Psyche und Ohr. Es war entsetzlich. Manchmal hofften wir nur, den Tag irgendwie zu überstehen, zu überleben. Alle wußten von dem Horror, der sich in unserer nach außen hin so bravbürgerlichen Familie abspielte. Hätte es damals für uns Kinder ein eigenes Basisgehalt gegeben, ich wäre die Wolke gewesen. Hätte mir wenigstens zeitweise eine andere Familie gesucht.
Ich bin überzeugt, daß es heute ebenfalls viele Kinder gibt, die gerne aus „ihrer" Familie flüchten würden, wenn sie nur wüßten, wohin, und mit welchem Geld. Aber das reale Patriarchat behandelt Kinder ähnlich wie Frauen; als de facto Eigentum der über das Geld verfügenden Männer. Verstehen sie? Mein Stiefvater drohte meiner Mutter, wenn sie ihn verlassen würde, fände er sie und brächte sie um. Samt uns Kindern. Seine Kumpane (der Klagenfurter „Eliten”) würden ihm bei der Suche helfen. Sie könne sich nirgends verstecken.
Tatsächlich half niemand wirklich konsequent. Frauen und Kinder „gehören” im Selbstverständnis aller Patriarchen dem Mann, oder, darüber hinaus, der männlichen gesellschaftlichen „Elite”.
Die zuständige Jugendbeamtin war eine Cousine meines Stiefvaters und tat weniger als nichts. Gab höchstens Verhaltensratschläge für uns Betroffene ab. Wir sollten „verständnisvoller” sein zu ihm, er brächte das Geld nach Hause. Vielleicht würde ihn mehr „Zuneigung" beruhigen, der übliche Schwachsinn halt.
Genau das Gegenteil ist richtig. Es hätten ihm rechtzeitig harte Grenzen gesetzt gehört. Konsequent. So wirkten die emotional gewaltsam aufgebrochenen und gefügig geprügelten Frauen in ihren verstärkten Bemühungen, ihm zu gefallen und alles recht zu machen, auf meinen Stiefvater erst wieder wie eine tolle emotionale Belohnung seines sozialen sadistischen Tuns.
Diese Er/Siekenntnis sollten sich alle hinter die Ohren schreiben, die mit Gewaltsüchtigen zu tun haben.
Mit der Lust an der Gewaltausübung ist es ähnlich wie mit Medizin, oder Wein, oder Salz; etwas davon, sparsam, lustbetont für alle Beteiligten und gezielt angewendet, würzt das Leben. Ohne Salz wird’s fad.
Etwas Würze kann sogar heilsam wirken. Zuviel davon aber zerstört es.
Mit sechs Jahren war ich in dieses Haus gekommen. Lebhaft, selbstbewußt und neugierig fröhlich im Naturell. Normal halt. Als 9-jähriges Mädchen wurde ich, da schon ziemlich verstört, einem führenden Kinderpsychologen (Dr. Wurst) zur Behandlung übergeben. Der baute mich mit freudianischem Gedankengut auf, während ich gegen das Bettnässen (aus Todesangst ) regelmäßig Stromtherapie in den Bauch bekam.
Die Traumwelt war um so vieles besser als die fürchterliche Realität. Ich wollte einfach nicht aufwachen, flüchtete mich geradezu in das Bett. Schloß die Augen und war weg. Ganz woanders. Wenn ich dort auf die Toilette mußte, ging ich im Traum aufs Klo und wachte dann in der Früh im nassen Laken auf. Dr. Wurst verabreichte mir Psychopharmaka. Das Problem war das verrückte Verhalten meines Stiefvaters, was alle wußten, aber behandelt wurde ich, das kleine weibliche Opfer, damit ich den Horror überhaupt (und unterleibt) aushielt. Logo im Patriarchatswahnsinn. Mein Stiefvater war der Ernährer der ganzen Familie, sein Terror mußte daher ertragen werden. Wie war das noch mit der Basisgehaltforderung?
Einmal hatte ich mit 12 eine Medikamentenvergiftung mit diesen Psychopharmaka, als meine Mutter mir aus Versehen ca. das 10-fache an der verordneten Dosis verabreichte, wochenlang. Ich war kurz vorher draufgekommen, daß mein Stiefvater überhaupt und unterkörpert mein Stiefvater war und ich ein uneheliches Kind, Jessas Maria! Ich hatte daraufhin der Erwachsenenwelt mein inneres Vertrauen aufgekündigt. Wirkte nicht mehr lenkbar. Das war bestraft worden, ohne daß ich damals irgendwie „aggressiv" geworden wäre. Das erlaubte ich mir erst später. Wie eine Rauschgiftsüchtige wankte ich daraufhin wochenlang durch die Gegend, unansprechbar, und galt im Gymnasium schnell als verrückt geworden.
Dr. Wurst holte mich danach wieder einmal mit aller Kraft aus dieser Familie heraus, und steckte mich in ein Heim, weit weg von Klagenfurt, für solche Aktionen danke ich ihm heute noch von Herzen. Einmal brachte mein Stiefvater mein geliebtes Meerschweinchen um, nur weil es dem Herrn Pfarrer etwas gerochen hatte. Ein andermal erschoß er den Spitz eines Nachbarn, der mich öfters vor seinen jähzornigen Übergriffen verteidigt hatte. Aber wir gingen jeden Sonntag brav in die Stadtpfarrkirche, in der die Klagenfurter Honoratioren sich trafen und ihre Familien fein herausgeputzt vorführten. Danach ging es für die Männer oft ins Café Lerch, während die Frauen zu Hause brav das Mittagessen bereiteten. Dieses hochgeachtete Klagenfurter Café gehörte zu dieser Zeit dem alten Lerch, der Jahre später von Simon Wiesenthal als Nazikriegsverbrecher aufgeblättert wurde. Udo Jürgens hatte dort einige seiner ersten Auftritte.

Nein, ich behaupte jetzt nicht, daß mein Stiefvater ein Nazi gewesen ist. Er war teilweise sehr kritisch gegenüber den Mächtigen, aber er wußte gleichzeitig nicht, wie er mit Destruktivem in sich und um sich gefahrlos umgehen konnte.
Ich weiß, daß der ganz „normale” Faschismus in den Familien ist und dort auch von diversen Pseudoeliten von außerhalb fest weiterbetrieben wird. Um nicht zu sagen, regelrecht weitergezüchtet wird. Bewußt. Auf Basis einer massiven Gehirnwäsche auch ihrer männlichen Mitglieder unter- und gegeneinander. Ingeborg Bachmann schreibt andeutungsweise darüber...
Wenn mein Stiefvater sich nach seinen Gewaltexzessen bei uns geschlagenen und emotional aufgebrochenen, gedemütigten Frauen wieder einmal ausweinte und um Vergebung für sein arges Verhalten bettelte, erklärte er manchmal sogar, warum er das machen mußte. Irgendwann, ab 12, 13 Jahren, begann ich mich zu wehren. Selbst zurückzuschlagen. Gezielt meinem Stiefvater gegenüber mit Retour-Mord zu drohen. Er nahm mich daraufhin sehr schnell sehr ernst. Glücklicherweise. So blieb in unserer Familie das Ärgste aus.
aus einem Brief:
ab dem 7. Lebensjahr wurde mein Stiefvater Hans Rieder mir (und manchmal der Mutter, seltener der jüngeren Halbschwester Inge, so gut wie nie dem Bruder Gerhard) gegenüber regelmässig gewalttätig. Sowohl psychisch als auch brutalst körperlich. Die Anzahl der schweren Fälle am *zusammen geschlagen werden* als Kind (!) sind hunderte. Die der leichteren Schläge (nur Watschen etc..) noch viel mehr…Wurst sagte mir mal; `ich würde das später vergessen`. Ich daraufhin -empört-; das könne nicht sein! Er dann; `o doch. Nur wenn Du`s zählst, kannst du es dir auch merken`. Daraufhin zählte ich diese Vorfälle, und kam auf paarmal pro Woche. 2-3 mal schweres Geschlagen-werden pro Woche, öfter `nur` diese Ohrfeigen. Vati (hüstel) war ca 1,90, mit grosser Reichweite, ich ein Kind! Ich flog jede Woche x-mal quer durch die Räume, irgendwohin, auf den Boden, an die Wände, Möbel.. hatte ständig Flecken am Körper, im Gesicht (!). Niemand half mir. Obwohl es viele Leute wussten!!!! Das Elternhaus war voller Menschen. Viele Besuche, oft bis zu 9 Arbeiter wurden zu Mittag zusätzlich bekocht.
DIE MENSCHIN - Brigitte Lunzer-Rieder - info@diemenschin.at