Erste freie feministische Bezirksrätin Wiens auf der Wieden
Sie waren sprachlos, als ich nach Ablauf dieser Frist tatsächlich samt Mandat vor Weihnachten 1983 austrat. In einem fulminanten Auftritt. Lächelnd. Das ließ ich mir nicht nehmen. Der Typ, der so besonders fies agiert hatte, heulte vor Wut über seine verlorene Chance auf ein Bezirksratsmandat. Das erzählte mir später dieselbe Frau, die er sexuell vorher so gedemütigt hatte. Sie schmunzelte dabei. Fortan stellte ich meine Anträge und Anfragen auf Bezirksebene stolz als „erste freie feministische Bezirksrätin Österreichs". Ein psychologischer Zungenbrecher für die armen anderen 29 BezirksrätInnen auf der Wieden. Ich stellte in 4 Jahren insgesamt in etwa gleich viel Anträge und Anfragen wie diese zusammengenommen, darunter viele neue, innovative Ideen, auf allen Ebenen. Soziales, Emanzipatorisches, Verkehr, Gesundheit, Organisatorisches...

In den Medien wurde meine politische Arbeit aber konsequent verschwiegen. Es nützte mir auch nichts, durch Kontakte zu engagierteren Journalistinnen aus dem de facto über mich verhängten Medienverbot auszubrechen zu versuchen. Ganze Fallgeschichten wurden von mir fertig recherchiert einzelnen Schreiberinnen übergeben. Mit der Bitte, mich irgendwo namentlich zu erwähnen, als Belohnung, sozusagen. Die BürgerInnen, die mich gewählt hatten, sollten wissen, daß ich etwas tat.
Einmal gelang es mir, von einem Abend bis zum nächsten Morgen eine schon um 11 Uhr angesetzte Delogierung einer Familie zu verhindern. Das Wiener Rathausmanagement blies daraufhin sämtliche Delogierungsbescheide im Gemeindewohnungsbereich über Winter ab. Ein anderes Mal konnte ich einer Wirtin mit gewalt- und alkoholkranken Mann helfen, sich ihre Existenz zu erhalten. Ein weiteres Mal drehte ein Mitbewohner einer Kunstprofessorin durch, hielt sich für Gott, inklusive Tötungsrecht, und bedrohte sie. Ich und FreundInnen halfen. Später bedrohte er mich samt Baby. Die Polizei versagte kläglich und ich schrieb einen bösen Brief an den Innenminister. Bald darauf gab es die ersten Kontaktbeamten in Wien.
Die Geschichten erschienen in den diversen Zeitungen. Ich wurde nicht erwähnt. Dafür mit abstrusen Terrorgeschichterln selber fertig zu machen versucht. Die Bude wurde mir ausgeräumt. Paß, Tausende aktuelle Adressen, Fotos meiner künstlerischen Arbeiten, meine Vortragstexte, erste Basisgehaltberechnungen, etc, fast alles war eines Tages, Monate nach der Wahl einfach weg. Ich war organisatorisch teilweise funktionsunfähig gemacht worden. Bedrohungen von mir Unbekannten, auf der Straße, einfach so, gab es deto. Samt tätlichen Angriffen. Ständigen Telefonterror, eh klar. Oft Dutzende Male am Tag. Ohne daß jemand dran war. Bezahlte ich wieder einmal die Überwachung, blieben die Anrufe dann interessanterweise aus. Versuchte ich, diese Dinge in der politischen Szene in Wien zu thematisieren, hieß es prompt wieder, ich sei ja bloß paranoid und insgesamt nicht ernst zu nehmen.
DIE MENSCHIN - Brigitte Lunzer-Rieder - info@diemenschin.at