Mit 25, 26 Jahren hatte ich, zusammen mit Anita Münz, einige künstlerische Aktivitäten gesetzt. So erarbeiteten wir ein detailliertes Konzept für eine Kulturarbeit zusammen mit weiblichen Lehrlingen in einem metallverarbeitenden Großbetrieb (Siemens).
Während einer Teilhabe an einer Großveranstaltung im Künstlerhaus (Macht und Ohnmacht der Frauen)
waren Anita und ich ziemlich schockierend mit der massiven Frauenfeindlichkeit vieler, auch jüngerer Besucher
konfrontiert worden. Wir hatten a (wie Anita) eine kleine Zeichenserie mit süß-frechen Selbstbefriedigungsarbeiten und b (wie Brigitte) ein Holzkreuz mit einer Art Venus von Villendorf aus Pappmache darauf vor einem violetten Altartuch ausgestellt. Unserer Meinung nach nix sonderlich Aufregendes...

Aber die Reaktionen der Besucher ! Himmel Schimmel Donnergrollen... die hatte es in sich!
Verbrennen wie früher die Hägsen, unter’m Hitler hätten’s uns vergast, Blasphemie usw... der halbe Irrsinn des realen latenten Faschismus trampelte daher, mitten in Wien, in einer hochoffiziellen Frauenkulturveranstaltung der Sozialisten.
Wir fingen an, die Reaktionen zu sammeln.
Hängten Zettel und Kuli hin zum Schreiben. Sammelten so etliche der gutteils negativen und nur teilweise positiven Reaktionen der Leute. Besonders arg zeigten sich Hietzinger Gymnasiastenjünglinge.
Die zu Tage tretende Misogynie war schier unglaublich.
Kurz darauf organisierte ich über die "Agora", einer Kulturvereinigung, deren Mitglied ich war, eine kleine Ausstellung im damaligen Ateliertheater am Naschmarkt.
Es war ein Stück von Sartre am Spielplan, "Die Eingeschlossenen von Altona". Das Thema Faschismus wird darin recht subtil abgehandelt. Anita und ich konzipierten dazu u.a. einen optischen Teil, der schlicht lautete; "apropos Faschismus heute", und hängten unsere so heftig kritisierten Arbeiten samt etlicher Reaktionen auf Papier dazu.
Na Grüß Gott. Mehr brauchten wir nicht.
Einen Tag vor der Premiere wurde unsere begleitende Ausstellung ohne Angabe von Gründen einfach abgehängt.
Angeblich (lt. Theaterboß ) hatten sich Wiener Beamte (!) massiv über unsere Ausstellung beschwert und verlangt, daß diese umgehend entfernt würde. Sonst würde das Theater geschlossen werden. Wegen irgendwelcher Feuerpolizeilicher Auflagen oder so.
die Programme waren gedruckt, die Einladungen verschickt, und wir standen da. Beschlossen, in die Offensive zu gehen. Informierten die diversen Zeitungen. Quer durch den gesellschaftspolitischen Gemüsegarten. Wir sind ja nicht so. Volksstimme (kommunistisch), Falter (alternativ) und Magazin M (links) berichteten konstruktiv darüber.
Die anderen, eher bürgerlichen, verweigerten. In der Kronenzeitung wurde geschimpft, weil wir die Kommunisten ebenfalls informiert hatten.(!) Wir könnten nicht erwarten, in der Krone erwähnt zu werden, wenn das (Kommunistenkontakt) geschähe... (wie war das noch mit der Pressefreiheit bei uns?)
Ein Kurier Kulturtyp kam (Jan Tabor) und meditierte einige Zeit in meinem Atelier vor den dort schnell aufgebauten Arbeiten. Befand dann, daß diese noch nicht so ausgereift wären, um im Kurier ein Thema zu sein.
Dabei ging es um handfeste versteckte Zensur, gegen die wir uns wehrten, nicht um "künstlerische Qualität". Die anderen Zeitungsmedien reagierten nicht einmal. Dafür machten Borneman, Gorsen und Co mobil. Anita wurde zu einer großen Podiumsveranstaltung eingeladen, um zu beweisen, daß auch Frauen "Pornographie" machen. Sogar feministisch orientierte Frauen ! Hurra !
Da jubelten die Patriarscherln...
Ich saß wutentbrannt im Publikum und durfte zu meiner eigenen künstlerisch - feministischen Arbeit (inklusive Namensnennung ) nicht einmal ausführlich Stellung nehmen.
Meine Arbeitsbeziehung zu Anita bekam einen Knacks. Nona.
Damit nicht genug. Der ORF kam und brachte unseren Fall Wochen darauf in einem (damals sehr populären) Club 2.
Angeblich unter dem Titel "Kunst und Pornographie", und Anita saß da, hübsch und gut ausgebildet (als Hochschulabsolventin ), und redete, unsere Arbeit wurde als "Fallbeispiel" (! typisch !) gebracht, unsere Arbeiten wurden gezeigt und mein (bürgerlicher ) Name wurde wieder genannt. Österreichweit.
Ich sah diesen Club 2 nicht einmal, ja wußte diesmal gar nichts davon. Geschweige denn, daß ich gefragt worden war, ob ich einverstanden gewesen wäre...mit mir hätten diverse Patriarscherln das übliche Spielchen "Frau als Fallbeispiel" bzw. Objekt einfach nicht durchexerzieren können. Das wußten die schon. Also wurde ich als Person organisatorisch ausgeschalten. Mit der geballten Macht der herkömmlichen Pseudoeliterln, diesmal halt aus dem angeblich fortschrittlichen Bereich. Am nächsten Tag lief bei mir im Atelier das Telefon heiß .
Eine Tante war empört; "Eine Schweinerei, was die gemacht haben. Die haben euch mit irgendwelchen Pornographen verglichen. Und du warst nicht einmal dabei! Mit dir hätten die es nicht so leicht gehabt im Reden..."
Glaub ich auch, Tante Erna. Die Tage nach diesem „Club Zwei“ waren ein Horror. Fremde Männer kamen in mein ebenerdiges Wohnatelier im vierten Bezirk und wollten die „Pornographie“ (und mich dazu) besichtigen...zogen dann frustriert ab, natürlich ohne etwas u kaufen. Meine Arbeiten waren halt ganz und gar nicht „pornographisch“, da großteils nicht einmal gegenständlich. Andere beäugten mich schief und überneugierig, beim Einkaufen usw. Ich steh` übrigens inzwischen dazu, als feministische Frau und Künstlerin auch "pornographisch" zu sein. In Gedanken, Worten und Taten. Künstlerischem und lebendigen Sinn. Aber in meinem Sinn. Die "Widersprüche" zwischen der Darstellung von Sexuellem, persönlichem Lustgewinn, Emanzipationsbestrebungen von Frauen und grenzüberschreitenden Bereichen sind für mich persönlich inzwischen gelöst. Philosophisch, moralisch und im ganz normalen täglichen Leben.
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Ich war wie in ein tiefes psychisches Meer gesunken. Abgetaucht. Isolierte mich für Wochen.
Kämpfte das erste und wohl letzte Mal in meinem Leben ernsthaft mit Selbstmordgedanken.
Österreichweit öffentlich als Pornographin verbraten zu werden, hat auch extrem negative Auswirkungen auf das ganz normale tägliche Leben für eine junge Frau zur Folge. (Bis heute !)
Noch dazu, wenn die gleiche Frau nicht und nicht vom Feminismus lassen will.
Da gehen dann auch noch u.U. die wenigen anderen Kontakte unter feministisch orientierten Frauen flöten...
DIE MENSCHIN - Brigitte Lunzer-Rieder - info@diemenschin.at