Das Patriarchat hatte in meinem jungen Leben wieder einmal recht locker und raffiniert zugeschlagen (durch das Ausstellungsverbot und den Verriß im Club 2)...ich ging damals in mich. Entwickelte als Lösung dieser widersprüchlich scheinenden Probleme das "Basisgehaltkonzept", und ging daraufhin zur WUK Initiative, um für Frauen eigene Räume (Frauenkommunikationszentrum) zu erkämpfen.
Eine logische Angelegenheit. Werkte dort ein Jahr lang recht erfolgreich. Das WUK gäbe es ohne meine Arbeit vermutlich erst gar nicht mehr...höchstpersönlich stahl ich einmal den Hauptschlüssel und stieg nächtens mit Andi Stern ein. Wir tauschten in einer illegalen Nacht- und Nebelaktion sämtliche Schlösser der Straßentüren aus und kontrollierten ab da den Zugang zum Haus. Besetzten es mit anderen "schleichend".
Bis ich dort auf Geheiß "von oben" (SPÖ Sekanina?) abgesägt wurde.
Ein grüner Mitstreiter (Christoph Chorherr) teilte Brigitte damals mit, dass sie von höchster Stelle zur "Persona non grata" erklärt wurde. Und das funktionierte wirklich. Selbst begeisterte Journalisten von Zeitungen und ORF wurden immer wieder zurückgepfiffen, wenn es um Brigitte oder ihre Inhalte ging. Das ging ab diesen Zeitpunkt bis zu ihrem Tode.
Persönliche Erfahrungen
WUK (=Werkstätten- und Kulturhaus mit 10.000 m² Nutzfläche inmitten Wiens). Mir war immer bewußt, daß wir kollektiv auf einem Pulverfaß des von mir so genannten „Latenten Faschismus” leben. Ich glaubte nie an die Illusionen der allermeisten anderen Menschen im Land. Meine frühen künstlerischen Gehversuche sind Beweis für dieses Denken schon vor vielen Jahren. So waren erste Ausstellungen mit meinen recht harmlosen Arbeiten verhindert und sogar verboten worden. Nach einem solchen Ausstellungsverbot, im damaligen Ateliertheater am Naschmarkt, das die bis dahin auch in mir vorhandenen Illusionen über die angeblich freie Gesellschaft, in der wir alle leben, endgültig gründlich zerrüttete, steckte ich um und wurde für die Erkämpfung des WUK aktiv. Mit 26 Jahren. Ich arbeitete (unentgeltlich) intensiv für die Schaffung eines gesellschaftlichen Freiraumes für Frauen. Recht erfolgreich übrigens. Immerhin 10.000 m² Platz für verschiedenste Aktivitäten wurde so erkämpft. Mitten in Wien. Höchstpersönlich stahl ich den Schlüssel und tauschte in einer Nacht und Nebel Aktion zusammen mit Andi Stern sämtliche Schlösser des leerstehenden Gebäudes aus, so daß nur mehr wir AktivistInnen hinein konnten. Organisierte Wasser, Gaskonvektoren, Petroleumlampen als Licht. Kurz darauf gab es die erste Alternativschule Wiens im WUK.
Sehr eigenartige Terroristerln verwüsteten bald danach die Räume dieser Gruppe, inklusive der Schulsachen der Kinder. Auf dem darauffolgenden Plenum war große Aufregung. Wie bei absolut unzureichender, da demolierter Beleuchtung, 10.000 m² Fläche nächtens zu sichern? Wo doch den politischen Verantwortlichen Wiens versprochen worden war, daß wenigstens in der Nacht niemand im Haus sein würde? Ich wußte, wie oft, gezielten Rat. „Wir holen uns ein paar Hunde, und lassen die das Haus bewachen“, schlug ich schlicht vor. Na, als was ich da schon wieder betitelt wurde; von Besuchern auf den Rängen, die nie auch nur irgend etwas Konstruktives für die Erhaltung dieses wunderschönen Hauses beigetragen hatten. Ich sei eine Faschistin, hieß es. Mindestens. Wieder einmal, eh` klar. Wehre dich gegen die Zerstörung deines Lebens(raumes), und du selbst bist ”faschistoid”, nicht etwa die jeweils anderen, i, woher denn. Nun, das WUK funktioniert bis heute auf der Basis des von mir damals entscheidend mitentwickelten Hausorganisationskonzeptes. Ich half sogar, bezahlte Arbeitsplätze zu schaffen.
Nein, nicht für mich selbst. Das wurde - wieder einmal- verhindert. Das energische Gebot eines damals führenden SPÖ - Politikers (Bautenminister Sekanina, er wollte angeblich einen sozialistischen Gemeindebau anstelle des altehrwürdigen WUK-Hauses, zwecks Erhöhung des Stimmenanteils im 9. Bezirk) brachte dann andere, obrigkeitshörige WUK-Aktivisten dazu, mich als Person endgültig „schaßen” zu lassen. Überfallsartig. Öffentlich. Am Plenum. Mit der „Begründung“, der Sekanina hätte deswegen angerufen; ohne jede Vorwarnung von Seiten der SPÖ-lerInnen und KPÖ-lerInnen für mich. Meine enorme Arbeitsleistung, täglich mehr als 12 Stunden über ein Jahr lang, war gerne akzeptiert worden. Ich selbst nicht. Wir hatten allein im Frauenkommunikationsverein regelmäßig jede Woche Plenas mit dreißig und mehr AktivistInnen. Zusätzlich Arbeitskreise. Und die gemischten WUK-Treffen. Als ich, von Parteifrauen gezielt frustriert worden, für nur zwei Wochen nach Berlin fuhr, zerstritten sich diese hochgeschulten Politkader so gründlich mit allen anderen Frauen im Haus, daß bei meiner Rückkehr nur mehr diese fünf Frauen auf dem Hauptplenum herumsaßen und große Worte schwangen. Ich stellte zu meiner eigenen Überraschung fest, daß ich mit meiner organisatorischen Koordinationsbereitschaft offenbar den funktionierenden Ablauf der Gemeinsamkeiten erst geschaffen hatte. Aber ich wurde von den Parteigebundenen in Folge gezielt abgeschossen. Die Parteiabhängigen wollten sich wohl eine politisch unabhängige Frau mit wachsendem Einfluß vom Hals schaffen. Konkurrenzdenken? Wahrscheinlich auch. Die anderen, ach so alternativ-gewaltfreien Frauen, konnten und wollten mich nicht offensiv verteidigen. Das war’s dann. Na ja. Ich hatte zu dem Zeitpunkt ohnehin schon längst eigene 140 m² im vierten Bezirk für mich alleine. Über Weihnachten des ersten WUK Jahres gab es dann noch eine andere, höchst symptomatische Geschichte, die es wert ist, festgehalten zu werden. Helmut Zilk, als damaliger Kulturstadtrat auch fürs WUK zuständig, hatte uns AktivistInnen im Herbst vor laufender Fernsehkamera die erste Million versprochen.

Dazu durfte ich, von anderen weiß gewandet und mit Zetteln bespickt, ein öffentliches Rededuell mit ihm absolvieren. Zilk ist ein echter Dominanter, als Mann in unserer Gesellschaft ist er logischerweise daher weit oben gelandet, und ich, als weibliche Dominante, war von anderen im WUK gezielt zu dieser wichtigen Auseinandersetzung vorgeschoben worden. Zwecks Durchsetzung unserer Anliegen. Dafür war ich „böses, aggressives, dominantes Weib" plötzlich wieder einmal gut genug. Zilk und ich lieferten uns prompt ein temperamentvolles Wortduell, bei dem ich meiner Meinung nach die verbale Oberhand behielt. Im Verlauf dieses heftigen, aber nicht bösartigen und lautstarken verbalen Gefechtes versprach der damalige Kulturstadtrat Zilk dann uns ursprünglichen WUK-lern die erste Million. Der Fortbestand des schönen Hauses war gesichert. Wir jubelten.
Gingen flugs ans weitere Werk. Wir Frauen adaptierten in unseren Räumen die ersten Zimmer, installierten provisorische Lichtleitungen, renovierten, putzten. Die Räumlichkeiten im ersten Stock des Frauenkommunikationszentrums waren bald die ersten benutzbaren 1.000 m² des ganzen Hauses. Irgendwelche Kulturschickimickis wollten aber bei uns auf einmal einen Film drehen. Fragten beim WUK Vorstand an, ob das ginge. Ich wurde von anderer Seite heftig vorgewarnt. Wir sollten unbedingt das Drehbuch lesen. Wer weiß, was sonst passieren könnte. Ich hatte zu der Zeit noch einigen Einfluß innerhalb der WUK Hierarchie, und brachte bald in Erfahrung, daß für dieses Filmprojekt sogar gesprengt und mit Wasser gearbeitet werden sollte. In unserem denkmalgeschützten alten Haus. In unseren gerade erst einigermaßen renovierten Frauenhausräumen.
Es war wieder einmal schier unglaublich. Mir schwoll die Zornader und ich trat als Hausorganisatorin intern kräftig auf die Bremse gegenüber dieser Zumutung. Hatte aber zu wenig mit der Raffinesse dieser linken Kulturschickeria gerechnet. Die warteten einfach ein paar Wochen, bis Weihnachten, wo die meisten von uns nach Hause fuhren, ab und inszenierten mit ein paar Parteigebundenen ein Restlplenum, das die „Legitimation" für diesen Schmonzes erteilte. Es wurde kurz darauf gefilmt. Und gesprengt. Wasser floß unsere Frauenhausstiege in Sturzbächen herunter und ich stand persönlich wie erschlagen im Hof, heulte mit dem alten Haus mit. Ich heule nicht leicht, übrigens. Führend bei diesem Projekt war ein junger Theatermacher, der sich später mit einer Produktion über Otto Weininger, einem hervorragenden Misogynisten, profilierte. Dieser österreichische Jahrhundertwendephilosoph ist heute ein hochgeschätzter Denker bei russischen Neupatriarcherln. Mit von der Partie bei dem Projekt war auch eine sehr bekannte feministische Schriftstellerin, die Parteimitglied bei Österreichs Kommunisten ist. Ich ging innerlich auf Abstand zu dieser Art von KarrieremacherInnen. Mir wäre nie im Leben eingefallen, die mühsame Basisarbeit anderer so auszunutzen, ja, sogar in Frage zu stellen. Nun, das alte Gemäuer überstand es ohne größere Sprünge. Glück gehabt. Wir blöden „Basiswablerinnen", wir wurden von linken Politheinis wirklich so genannt, durften danach wieder unsere Räume putzen. Herrichten. Teilweise von vorne anfangen. Im Film kamen diese Szenen angeblich nicht einmal vor. Zu dem Zeitpunkt war auch versucht worden, unsere recht effizient wirkende feministische Organisationsarbeit in Wien von Seiten einiger Kommunistinnen gegen die politisch erstarkende Johanna Dohnal (Sozialisten) auszunutzen. In letzter Minute gelang es mir als einzelner Frau, einen Versuch, in unserem Namen als „Frauenkommunikationszentrum" gegen Dohnal via Massenaussendung von Seiten unserer Kommunistinnen vorzugehen, zu vereiteln. Ich hielt halt was von Fairneß oder so, und Dohnal hatte uns unter der Hand zum Schlüssel fürs WUK verholfen. Heute weiß ich, welche einfache Taktik hinter diesen Manövern steckte, die auch immer noch in Wien massiv praktiziert wird. Es werden aufbrechende gesellschaftliche Kräfte aus der Bevölkerung, personifiziert in einzelnen Frauen und Männern, spätestens dann, wenn diese sich zu organisieren anfangen, von oben herab gezielt beschäftigt. Die Sehnsucht nach „eigenen Räumen“ als starker innerer Ausdruck für den (teilweise unbewußten) Wunsch nach einer anderen Gesellschaftsordnung wird ausgenützt, um diese Kräfte zu binden. Jede Menge ist in alten Häusern zu tun. Da bleibt meist nicht viel Zeit mehr für politische Aktivität nach außen. Das menschliche Potential ist gebunden. Drei Jahre später besuchte ich mit feministisch orientierten Geisteswissenschaftlerinnen einen Großversuch in Gruppenverhalten auf der Wiener UNI. Die über hundert Studenten (ca. 90 Männer und 35 Frauen) saßen zum zweiten Mal in einem großen Hörsaal zusammen. Der Initiator des Experimentes, ein Uniprofessor, gab psychologisch-klassisch eine stumme Projektionsfläche am Pult ab. Die Kommunikation spielte sich also bald unter den Beteiligten selbst ab. Da kein Thema vorgegeben war (außer dem des Großgruppenexperimentes) kamen so bald die grundlegenden inneren Befindlichkeiten der TeilnehmerInnen zum Vorschein. Versteckt, bzw. verschlüsselt. Es stellte sich heraus, daß schon beim ersten Treffen „der Raum“ als Ort dieses Treffens problematisiert worden war. Etliche der TeilnehmerInnen waren bald auf die Suche nach einem anderen, „besser geeigneten“ Raum gegangen. Das wiederholte sich beim zweiten Treffen, und ca. ein Drittel ging nach etlichen Wortgefechten hinaus, um bald darauf frustriert zurück zu kommen. Die anderen Hörsäle waren versperrt. Es entspann sich eine skurrile Diskussion unter den Studiosi aller Geisteswissenschaftsrichtungen, in der die einen die Räumlichkeit bemängelten, die Mehrheit diesen Raum verbal verteidigten. Das ging so über eine Stunde. Ich platzte irgendwann fast vor Lachen, und fragte, „ob es denn niemandem aufgefallen wäre, daß die Raumkritiker fast ausschließlich aus den Frauen und die konservativen Raumverteidiger aus den männlichen Studenten bestünden, sich die Diskussion also in der tieferen Wirklichkeit um die Geschlechterrollenproblematik drehen würde...“.
Nun, diese schlichte Tatsache war den Psychologie-, Soziologie-, Politik- und sonstigen Studiosi entgangen. Mir nicht. Aber ich hab` auch nicht mal Matura. Glücklicherweise, sag` ich inzwischen gerne provokant, bin kaum verbildet und sehe so oft, was offensichtlich ist. Die Drittelgruppe umfaßte 30 Frauen und zwei bis drei Männer, die Mehrheit (zwei Drittel) bestand aus den männlichen Teilnehmern und deto drei bis vier „Alibifrauen“. Eine typische Konstellation. Und das wichtigste, da erste Thema aller drehte sich unbewußt um die Geschlechterrollenproblematik. Der Professor gab mir übrigens am Ende des Treffens recht.
DIE MENSCHIN - Brigitte Lunzer-Rieder - info@diemenschin.at